Kebnekaise (2111 m) - der höchste Schwede
Der höchste Berg der europäischen Arktis

Länge: 18,51710° O
11.08.2011 Anreise zur Kebnekaise
Fjällstation
Nach
einem Trekking durch schwedisch Lappland wollten meine
Begleiterin Monika und ich als Abschluβ den höchsten
Berg Schwedens besteigen. Von der Erzstadt Kiruna wurde
mit dem Linienbus Nr. 92 in etwa 70 Minuten das Ende der
Straβe im kleinen Samendorf Nikkaluokta erreicht. Auf
der Fahrt dorthin war am Horizont erstmals die Firnkuppe des
Kebnekaise zu sehen.
In Nikkaluokta beginnt der 19 Kilometer Anmarsch zur
Kebnekaise Fjällstation, dem infrastrukturell sehr
gut ausgebauten "Basislager" für Gipfelaspiranten. Etwa 4 -
5 Stunden führt der Weg durch ein breites Trogtal Richtung
Westen.
Für mitteleuropäische Verhältnisse ist
der Weg wenig begangen, doch das hatten wir auch schon
während des Fjälltrekkings bemerkt. Letztlich stellte
sich aber auch heraus, dass wohl ein guter Teil der schwedischen
Bergsteiger den angebotenen Helikopterservice ab
Nikkaluokta (einfach ca. 800 Schwedische Kronen, 2011)
nutzen, um sich den langen An- und Abmarsch zu sparen.
Entlang des Sees Ladtjojaure und danach langsam ansteigend gehen wir zumeist durch niedrigen Birkenwald oder über Bohlenwege durch sumpfiges Wiesengelände. Das Anfangs schöne und warme Sommerwetter verschlechtert sich langsam im Verlauf des Nachmittags. Leichter Wind kommt auf und der Himmel zieht mit tief hängenden Wolken zu. Zumindest beginnt es vorerst nicht zu regnen. Etwa 10 Minuten vor der Kebnekaise Fjällstation finden wir auf einem kleinen Plateau abseits des Weges einen schönen Zeltplatz. Im mittlerweile schneidend kalten Wind wird schnell das Zelt aufgebaut und am nahe gelegenen Bach Wasser zum Kochen geholt. Sturmähnlicher Wind und heftiger Regen lassen den Tag ausklingen.
12.08.2011 Erster Besteigungsversuch
Die Geschichte dieses Tages ist schnell
erzählt: Nach dem Kälteeinbruch des voran
gegangenen Abends lag das Tal und die umliegenden Berge
unter einer geschlossenen Wolkendecke. Nach einem kurzen
Frühstück verlassen wir unser Zeltlager und
marschieren etwa 10 Minuten später an der Kebnekaise
Fjällstation vorbei. Etwa 1 Kilometer später
zweigt ausgeschildert der Västra Leden ab. Der
Weg führt - mit roten Farbmarkierungen - auf das Tal
des Kittelbacken zu und steigt teilweise steil an
dessen orografisch linker Talseite an. Mittlerweile haben
sich die Wolken deutlich abgesenkt, es beginnt zu regnen.
Kurze Zeit später geht der Regen in schnell dichter
werdenden Schneefall über. Etwa 90 Minuten nach dem
Aufbruch beschlieβen wir auf etwa 1100 m Höhe den
Abbruch der Tour. Der Rest des Tages besteht nahezu aus
Dauerregen. Vielleicht ergibt sich am nächsten Tag eine neue Chance?
13.08.2011 Besteigung des Kebnekaise (2111 m)
Das Wetter hat sich geändert! Unter einem fast
wolkenlosen Gipfel grüβen die 2000er des
Kebnekaise-Massivs. Kurz vor 6:00 Uhr am Morgen brechen
wir zu einem neuen Gipfelversuch auf. Es geht auf dem
bekannten Weg in das Tal des Kittelbacken. Bei
Sonnenschein wirkt hier alles deutlich freundlicher. Nach etwa 2
Stunden erreichen wir einen breiten Talkessel. Beeindruckend
ist der Blick auf die etwa 800 m hohe Südwand des
Kebnekaise. Der Wasserlauf des Kittelbacken wird
nach Westen gequert, hier endet auch der Pflanzenwuchs. Die
roten Wegmarkierungen leiten eine steile
Geröllhalde hoch, welche im Sattel zwischen
Tolpagorni (1662 m) und Vierramvare (1711 m)
endet. In einem Windschutz hinter ein paar Felsblöcken
wird eine kurze Rast eingelegt.
Nach Norden steigt der Pfad fast direkt die Südflanke des Vierramvare auf. Der gestrige Schneefall hat eine dünne Neuschneeauflage hinterlassen. Steil geht es hier über teilweise lose Felsplatten empor. Dreieinhalb Stunden nach dem Aufbruch ist die weite Gipfelfläche des Vierramvare (1711 m) erreicht. Ein Meer von Steinmännern verziert diese Steinwüste. Bevor nun der eigentliche Aufstieg zum Kebnekaise erfolgt, muss in die Einsattelung zwischen Vierramvare und Kebnekaise abgestiegen werden. Etwa 200 Höhenmeter gehen verloren, bevor die nur etwa 100 Meter breite Talsohle Kaffedalen gequert werden kann.
Endlich beginnt der eigentliche Anstieg auf den
Kebnekaise: Der schneebedeckte Pfad geht in steilen
Serpentinen die Südflanke von Schwedens höchstem Berg
empor. Nach etwa 300 Höhenmetern wird am Berghang eine
kleine Holzhütte sichtbar; Toppstugan, die
höchste Schutzhütte in Schweden. Trotz leichter
Bewölkung ist die
Aussicht auf die umliegende Berglandschaft beeindruckend. Nach einer kurzen Rast beginnt der letzte
Teil des Aufstiegs:
Die Steilheit de Geländes nimmt deutlich ab. Die gut begehbare Pfadspur
führt in nur geringer Steigung Richtung
Norden. Vor uns steht in den Wolken eine Gruppe Menschen an einem
Steinhaufen. Sie legen Steigeisen an. Wir stehen vor dem
Gipfelgletscher des Kebnekaise! Unvermittelt steilt sich
vor uns ein mit Neuschnee bedeckter Eishang auf, der nach einem
Aufschwung in einen schönen Firnhang übergeht. Wir
legen unsere Grödel an, die bei der Neuschneeauflage
sicherlich nicht optimal greifen und beginnen ebenfalls den
Aufstieg. In wenigen Minuten, den letzten Aufschwung sehr
vorsichtig, ist nach exakt 6 Stunden Aufstieg der Gipfel
erreicht. Eine nur einen Meter breite Firnschneide fällt auf
beiden Seiten schnell mehrere hundert Meter ab. Der Übergang
zum Nordgipfel ist wirklich nur mit entsprechender
Ausrüstung und
Erfahrung durchführbar.
Die Fernsicht ist aufgrund der den Gipfel umspielenden Wolken eingeschränkt, so dass wir nach etwa 10 Minuten vorsichtig mit dem Abstieg beginnen. Am unteren Ende des Gipfelgletschers reissen die Wolken auf: Beeindruckend leuchtet die Firnschneide des Kebnekaise-Sydtoppen im Sonnenlicht. Es sind zwar "nur" 2111 m Höhe, aufgrund der Lage 200 Kilometer nördlich des Polarkreises wirkt dieser Gipfel wie ein fast 4000er im Schweizer Wallis. Dort wäre er - aufgrund des technisch einfachen Zustieges - sicherlich täglich einer Massenbegehung ausgeliefert.
Es geht den gleichen Weg zurück, der Blick schweift in
die Ferne der Berglandschaft von Nordschweden. Bei klarem
Wetter soll von hier oben ein Achtel von Schweden zu
sehen sein.
Im weiteren Abstieg kommen uns immer mehr Gipfelaspiranten entgegen: Führerseilschaften vom Östra Leden, Vereins- und Familiengruppen. Für Alpenverhältnisse sind diese wohl spät am Morgen los gegangen. Zu dieser Jahreszeit besteht allerdings auch keine Gefahr in die - nicht vorhandene - abendliche Dunkelheit zu geraten.
Die in der Mittagswärme schmelzende Neuschneeauflage zwingt zu einem vorsichtigen Abstieg. Der Gegenanstieg auf den Vierramvare erfordert nochmals ein wenig Durchhaltevermögen. Der weitere Abstieg verläuft weiterhin entlang des markierten Aufstiegsweges (Västra Leden).
Nach 11 Stunden wird die Kebnekaise Fjällstation erreicht. Ein langer Tourentag klingt mit einem Bier aus, bevor die letzten Meter zum Zeltlager zurückgelegt werden.
14.08.2011 Abreise
Zum Abschied nochmals ein wunderschöner Morgen
im Tal an Schwedens höchsten Gipfeln. Unter fast wolkenlosem Himmel werden wir von einem Rentierbullen
begrüβt, der sich auf einem Grasplateau vor
unserem Zelt sonnt.
Nach dem Frühstück erfolgt routiniert der Abbau des Zeltes und gegen 7:00 Uhr beginnt der Rückmarsch in die Zivilisation. 19 Kilometer zum gemächlichen Abschied aus dem schwedischen Fjäll und der Bergwelt um den höchsten Berg der europäischen Arktis.
Kaum ein Wanderer begegnet uns an diesem frühen Morgen,
doch der
Helikoptershuttle ist mit zwei Maschinen im
Dauereinsatz. Ein seltsamer Kontrast: Die sonst so umwelt-
und naturbewussten Schweden steigen in den Heli und nutzen einen
wahren Luxusservice um dann im Einklang mit der Natur ein paar
Ferientage zu erleben.
Am Ostende des Sees Ladtojaure legen wir in einer kleinen Samensiedlung eine Kaffeepause ein. Die letzten ca. 6 Kilometer gehen dann wieder über breite Wanderwege Richtung Ausgang des Kebnekaise-Gebiets nach Nikkaluokta. Hier begegnen wir auch einer gröβeren Zahl von Tagesausflüglern.
Am Trailende reicht die Zeit noch für eine Erfrischung, dann wird um 12:15 Uhr der Linienbus Nr. 92 bestiegen. Ein letzter Blick fällt auf den Kebnekaise bevor uns der Bus wieder in die etwa 65 Kilometer entfernte Erzstadt Kiruna bringt.
In Kiruna müssen wir noch einmal Wandern: Am Sonntag gibt es erst 3 Stunden später wieder einen Linienbus zum Flughafen. Kurzerhand gehen wir die über 7 Kilometer zum Flughafen, wo wir am Abend das Flugzeug Richtung Stockholm besteigen.
Steigeisen oder zumindest Grödel für die Gipfeleiskuppe sinnvoll, sonst bei Blankeis gefährlich!
Pickel nicht notwendig. Trekkingstöcke sehr sinnvoll.
- Funktionsbekleidung
- Handschuhe
- Kopfbedeckung, Sonnen- oder Gletscherbrille (100% UV-Filter)
- Fleecejacke (mit Windstopper!)
- Tages-Rucksack (ca. 35 - 40 Liter)
- Tagesverpflegung
Der alternative Aufstieg über den Östra Leden führt über Gletscher und einen klettersteigähnlichen Felsaufstieg von 200 HM. Bergführer sind an der Kebnekaise Fjällstation buchbar.
BD6 Abisko - Kebnekaise - Narvik
ISBN 978-91-588-9488-4
www.lantmateriet.se
Letzte Aktualisierung am 11.01.2023 18:02:23 Uhr
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